Weihnachten im Heim: Wenn ein Lied zum letzten Geschenk wird
- Carol Sarbach
- 24. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Wer einen älteren Menschen begleitet, der vielleicht bald in ein Alters- oder Pflegeheim ziehen wird, stellt sich oft viele Fragen: Wird es dort persönlich sein? Entstehen noch echte, bedeutsame Momente? Oder geht der Alltag in Routinen unter? Ich möchte eine Geschichte aus dem Haus Herbschtzytlos, einem Zuhause für Menschen mit Demenz, erzählen. Diese hat mir gezeigt, wie Nähe, Würde und Verbundenheit in einem solchen Rahmen möglich sind, gerade am Lebensende.
Ein Nachmittag, der anders wurde als geplant
Es war ein vorweihnachtlicher Nachmittag im Haus. Tannenduft, ein einfacher Apéro, gedämpfte Gespräche und mittendrin ein Musiktherapeut mit seiner Gitarre.
Er war vertraut im Umgang mit Menschen mit Demenz. Der Musiker wusste, welche Lieder Erinnerungen wecken, beruhigen oder zum Mitsingen einladen. Schritt für Schritt entstand eine offene Runde um den grossen Tisch aus Bewohner:innen, Mitarbeitenden und einigen Angehörigen.
Eine Frau, die sich zunächst mit etwas Abstand dazugesellt hatte und als Aussenstehende ihren Angehörigen still begleitete, liess sich nach und nach mitziehen. Erst summte sie mit, dann sang sie leise und schliesslich war sie mit voller Stimme dabei. Aus einem «Besuch» wurde ein Miteinander und so erging es weiteren Angehörigen an diesem Nachmittag, die Ihre Verwandten und Bekannten im Haus Herbschtzytlos besuchten.
Ein Gastgeber trotz Demenz
Unter den betreuten Menschen sass ein Mann, der für seine starke, prägende Rolle in seiner Familie und seinem Umfeld bekannt war. Seine Demenz hatte vieles verändert, und doch war seine Persönlichkeit deutlich spürbar.
An diesem Nachmittag übernahm er, fast wie selbstverständlich, die Rolle des Gastgebers. Er schlug Lieder vor, legte die Reihenfolge fest und sorgte dafür, dass «Stille Nacht» immer wieder angestimmt wurde. In seinem Blick lag etwas Entschlossenes, das in Worten so etwas wie «So machen wir das jetzt gemeinsam» ausdrückte.
Man konnte spüren, wie sehr ihm diese Rolle entsprach und wie gut es tat, dass sie ihm auch in dieser Lebensphase noch zugestanden wurde.
Ein Ruf aus dem oberen Stock
Während unten gesungen wurde, lag im oberen Stockwerk ein anderer Bewohner im Sterben. Er hatte die Einladung, sich zur Runde dazuzusetzen, zuerst abgelehnt.
Als die gemeinsame Feier schon fast zu Ende war, erreichte uns seine Bitte, ob wir zu ihm ins Zimmer kommen und mit ihm singen würden.
Die kleine Gemeinschaft rund um den Tisch löste sich noch einmal auf. Die Gruppe, etwa zwanzig Menschen bestehend aus Angehörigen, Mitarbeitenden und Bewohner:innen, machte sich auf den Weg in sein Zimmer. Oben angekommen, wurde es still. Sogar die anwesenden Hunde blieben ruhig im Raum. Die Stimmung war dicht, aber nicht bedrückend, eher wie ein konzentrierter, getragener Moment.
Wir stellten uns um sein Bett, und wieder erklang «Stille Nacht».

Ein letztes Mal gemeinsam anstossen
Inmitten dieses Singens nahm der «Patriarch» vom Nachmittag wieder seine Rolle wahr. Er erhob sein Glas, um mit dem Sterbenden anzustossen.
Jemand brachte für die Umstehenden Wein und Gläser wurden gereicht. Der Patriarch richtete ein paar Worte an seinen alten Freund und wir stiessen ein letztes Mal mit ihm an. Der sterbende Mann war umgeben von den Menschen, die ihn trugen und begleiteten.
Viele weinten. Und doch war da nicht nur Trauer, sondern auch etwas Friedliches. Der Tod wurde in diesem Moment zu einem sichtbaren und spürbaren Teil des Lebens, eingebettet in Nähe, Musik und menschliche Wärme.
Einige Tage später verstarb dieser Mann ruhig. An seiner Beerdigung an Neujahr wünschten sich die Angehörigen erneut «Stille Nacht». Es war dieses Lied, das seine letzte Weihnachtsfeier begleitet hatte.
Die vergessene Strophe
Als wir nach diesem intensiven Moment wieder zurück an den Tisch kamen, meldete sich der Patriarch erneut zu Wort. Ob es eigentlich jemanden aufgefallen sei, dass wir jedes Mal bei «Stille Nacht» eine Strophe ausgelassen hätten?
Also sangen wir das Lied noch einmal in seiner vollen Länge und mit allen Strophen. Es war ein Augenblick des Schmunzelns und der Entlastung, eine kleine Geste von Humor nach all der Tiefe. Zum Abschied meinte er, wir sollten doch das nächste Weihnachten bei ihm zu Hause feiern.
Es war ein Satz, der in seiner Unmöglichkeit berührte und gleichzeitig zeigte, wie sehr er sich mitten im Leben wusste.
Was solche Momente Angehörigen zeigen können
Für Menschen, die überlegen, ob ein Heimeintritt für ihre Mutter, ihren Vater, den Partner oder eine andere nahestehende Person die richtige Entscheidung ist, kann diese Geschichte vielleicht etwas von dem vermitteln, was in einem bewusst geführten Pflegeheim möglich ist:
Rolle und Persönlichkeit bleiben wichtig: Auch mit Demenz kann jemand Gastgeber sein, Entscheidungen treffen sowie etwas anleiten und dabei ernst genommen werden.
Rituale geben Halt, gerade im Abschied: Ein gemeinsames Lied, ein Anstossen, ein stilles Dasein im Zimmer eines Sterbenden: Das sind keine «Programme», sondern gewachsene, echte Situationen.
Angehörige sind Teil des Geschehens: Aus einer zurückhaltenden Besucherin wurde an diesem Nachmittag eine aktive Mitgestaltende. Zuerst geschah dies beim Singen, dann beim Abschied.
Trauer muss nicht weggetröstet werden: Es braucht nicht immer viele Worte. Oft reicht es, gemeinsam da zu sein, mitzuschwingen, mitzuhalten, auch wenn Tränen fliessen.
Wenn ein Heim zum Ort der Verbundenheit wird
Dieser Weihnachtsnachmittag hat mir deutlich gemacht, wie viel Beziehung, Tiefe und Würde im Alltag eines Hauses wie Herbschtzytlos entstehen können. Und dies betrifft ganz besonders diejenigen Momenten, die man nicht planen kann, wie eine spontane Singrunde, ein letzter Wunsch, ein erhobenes Glas, ein Lied. Auch braucht es dafür Menschen, die sich trauen, gemeinsam an der Grenze zwischen Leben und Tod zu stehen.
Wenn Sie jemanden begleiten, der vielleicht bald in ein Heim ziehen wird, kann es entlastend sein, sich genau diese Frage zu stellen:
Gibt es dort Raum für echte Begegnungen, für Musik, für Abschiede und für die Eigenheiten meines Menschen?
Diese Geschichte ist für mich eine leise, aber klare Antwort darauf: Ja, es ist möglich.




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